Düsseldorf, Venedig und retour

Canal Grande
© Merit Zimmermann

An einem Frühsommerabend vergangenen Juni war der Garten des Düsseldorfer Künstlervereins “Malkasten” rappelvoll. Gefühlt die halbe Stadt besuchte das Open-Air- Konzert des Disco-Entertainers Carsten “Erobique” Meyer, die Stimmung war ausgelassen, fast euphorisch. Als sein Hit “Urlaub in Italien” ertönte, gab es kein Halten mehr – alle tanzten und sangen begeistert mit, die Vorfreude auf die kommende Feriensaison war deutlich zu spüren. Raus aus dem Alltag, keine festen Verpflichtungen, nur ein einziger Pflichttermin im Kunstkalendar, den es für Kulturfreunde abzuhaken galt. Ja, vielleicht ahnt man es schon, die Rede ist von der Venedig-Biennale.

Selfie-Serenissima: Die Kunst der Inszenierung

Alle zwei Jahre wird Venedig zum Besuchermagnet für ein Millionenpublikum, und 2019 war es mal wieder soweit: Anlässlich der Kunst-Biennale, dem wohl meist gehyptesten Ausstellungsereignis der Welt, trudelten massenweise Touristen in das ohnehin schon viel besuchte historische Zentrum der Lagunenstadt. Dass La Serenissima zur Hochsaison als Inbegriff des “Overtourism” gilt, scheint kaum jemanden zu interessieren, wenn es um die im 19. Jahrhundert gegründete “Mutter aller Biennalen” geht. Immer wieder aufs Neue schieben sich Besucher dicht an dicht zwischen Kunstwerken mit teils bombastischen Proportionen, teils hohlen Prämissen. “Dabei sein ist alles” lautet das Motto.

Wer das scheinbar kulturinteressierte Biennale-Publikum beobachtet, stellt fest, dass es oft nicht mehr darum geht, was sich unter der ästhetischen Oberfläche befindet, sondern nur noch um das Selbstporträt mit Kunstwerken, die “instagrammable” sind. Für ein mondänes Selfie in den Giardini-Gärten oder im Arsenale-Gelände erhält man schließlich mehr Likes auf seinen Social-Media-Kanälen als für eine Selbstinszenierung im gewohnten Stil, sprich in der heimatlichen Kulturlandschaft. Inmitten der vielen Zuschauer wird rasch deutlich, dass der Tourismus von heute gut darin ist, eine inszenierte Reproduktion zu genießen. Denn ein unverfälschter Blick auf die Biennale zeigt: Das Bild von der Ausstellung mit Sonderstatus weicht zunehmend dem eines kommerzialisierten Klischees, das an Bedeutung verliert.

58. Biennale: Chaos und Spektakel

Natürlich war nicht alles schlecht. Wie auch, wenn Werke von 79 Künstler*innen ausgestellt werden. Progressiv, provokant und polarisierend war beispielsweise “Barca Nostra”, das Wrack eines Flüchtlingsbootes, welches der Schweizer Künstler Christoph Büchel im alten Militärhafen des Arsenale zur Schau stellte. Oder die Ökologie-orientierten Arbeiten im Nordischen Pavillon zum Thema “Weather Report – Forecasting Future”. Man kann nur hoffen, dass dem touristischen Blick diese Highlights nicht entgingen, denn sie erhellen, wie bitter-ironisch es ist, dass Urlauber an Bord von Vergnügungsdampfern ungeachtet von Seenot-Flüchtlingen und Treibhausgasemissionen sorgenfrei über das Mittelmeer schippern.

Weather Report - Forecasting Future, Nordischer Pavillon (Finnland, Norwegen, Schweden), Aussteller: Ane Graff, Ingela Ihrman, nabbteeri. Kuratoren: Leevi Haapala, Piia Oksanen
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Barca Nostra (2019), Christoph Büchel
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So sehenswert und anregend gewisse Kunsteindrücke auch waren, so chaotisch und übersättigt war die “May You Live in Interesting Times” betitelte Mega-Ausstellung im Großen und Ganzen. Ohnehin ist es problematisch, die Konzeption des US-Amerikanischen Kuratoren Ralph Rugoff und deren Wert zu quantifizieren, denn die ständige Erneuerung von thematischen Ansätzen im Zweijahresrhythmus führt unweigerlich zu einem Verlust von Glaubwürdigkeit seitens der Ausstellungsmacher. Schlimmer noch, der wachsende Schwerpunkt auf kuratorischer Neuheit zeugt von einer Logik des Spektakels, was beunruhigend ist, denn je mehr sich die Venedig-Biennale gen Festivalismus verlagert, desto korrumpierter wird ihre Bedeutungskraft.

Zweimal ist einmal zuviel

Tatsache: Seit den 1990er Jahren hat sich das Format der Biennale grundlegend verändert, denn Kunst, Kommerz und Konsum haben sich auf beispiellose Weise vereinigt. Deshalb wäre es reduktiv, periodische Ausstellung internationaler, zeitgenössischer Kunst entweder Schwarz (neoliberal-kapitalistisch) oder Weiß (kritisch-alternativ) zu sehen. Aber in Venedig gießt die Biennale Öl ins Feuer, zumindest in ihrem jetzigen Zeitintervall. Denn als Zweijahres-Triebfeder für strategische Imageprodukion und hemmungslose Kommerzialisierung hat sie einen maßgeblichen Einfluss auf die von der Globalisierung hervorgerufene, negativ bewertete Touristifizierung der Stadt.

Anders gesagt, Venedig kämpft ums Überleben, während die Biennale Lebensqualität zelebriert. Wie ist das vereinbar? Auf diese Frage gibt es eigentlich nur eine Antwort: gar nicht. Dass der zweijährig wiederkehrende Menschenansturm deshalb nachlassen wird, bleibt vorerst eine Wunschvorstellung. Deswegen kann man urlaubsreifen Kunstliebhabern nur ans Herz legen, ein tieferes Verständnis für die sich verändernden Werte der Venedig-Biennale und dessen Auswirkungen auf die lokale Öffentlichkeit zu entwickeln. Ach ja, der Kunst halber ist es zudem empfehlenswert, nicht über, sondern innerhalb des Tellerrandes zu schauen.

Der diskrete Charme der Nähe

Das Rheinland kann man vom Lebensgefühl her nicht mit Venetien vergleichen, schon klar – aber wie sieht es kulturtechnisch aus? Wenn es um Kunst oder Architektur geht, spielt Venedig in der Champions League und Städte wie Köln, Bonn oder Düsseldorf in der Bundesliga, jedenfalls aus Sicht der globalen Öffentlichkeit. Es stimmt, die Rheinmetropolen sind weder Meisterwerke der Renaissance, noch ruhen sie wie ein Fremdkörper auf dem Meer. Dennoch ist man hier an der richtigen Adresse, wenn es um qualitativ hochwertige Museums- und Galerieausstellungen geht. Neben der großen Ai Weiwei Retrospektive in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gab es zahlreiche weitere Kultur-Highlights diesen Sommer, zum Beispiel das DC Open Gallery Weekend oder die noch laufende Gruppenausstellung der Kunstvereine von Bonn, Köln und Düsseldorf unter dem Titel “Maskulinitäten”. Jetzt im Herbst geht es nahtlos weiter mit Höhepunkten wie der aktuellen K20-Schau “Edvard Munch, gesehen von Karl Ove Knausgård” und der anstehenden Art Düsseldorf (15. bis 17. November 2019). Keine Frage: In der rheinischen Kunstszene ist für jeden etwas dabei – von Giganten der Kunst bis hin zu jungen künstlerischen Positionen. Nur einen Steinwurf entfernt, ganz ohne Drängelei und Selfie-Terror.